Volksdrogen

Staffel 1, Folge 8
oder Wie im Zusammenhang mit Alkohol, Zigaretten und weiteren Rauschmitteln mit zweierlei Maß gemessen wird
Alkoholkonsum gehört in Deutschland zum guten Ton und wird in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen zelebriert. Auch Zigaretten haben einen hohen Stellenwert und oft wird der Schutz der nichtrauchenden Personen der Freiheit der Rauchenden untergeordnet. Betrachtet man die rigorose Ablehnungshaltung der Deutschen gegenüber anderen Rauschmitteln wie Haschisch oder MDMA, springt eine riesengroße Diskrepanz ins Auge, die auch bei genauerer Betrachtung keinen Sinn ergibt.
Jährlich sterben in Deutschland rund 20.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. In einer Studie von 2018 gaben 58,4% der Befragten an, in den letzten 30 Tagen im risikoarmen Bereich Alkohol konsumiert zu haben, 15,7% der Befragten nannten in den letzten 30 Tagen keinen Alkohol getrunken zu haben, 13,3%, dass sie schon über mindestens ein Jahr keinen Alkohol zu sich genommen haben und 12,6% der Befragten sagten, dass sie Alkohol in risikobehafteten Mengen konsumiert hätten.1 Unter einem risikoarmen Konsum wird hierbei für Frauen maximal ein Standardglas (0,3l Bier mit 5% / 0,125l Wein / Sekt mit 12% / 4cl Schnaps mit 35%) und für Männer maximal zwei Standardgläser pro Tag mit mindestens zwei alkoholfreien Tagen pro Woche vorausgesetzt. Die Körper von Frauen haben im Vergleich zu denen von Männern einen höheren Fett- und einen geringeren Wasseranteil. Somit steigt der Alkoholpegel im Blut bei Frauen schneller an als bei Männern und schon kleinere Mengen können für ein erhöhtes Rauschgefühl sorgen. Auch das Risiko des Auftretens alkoholkonsumbedingter Krankheiten ist bei Frauen deutlich höher als bei Männern.
Auch wenn die Tendenz der Deutschen viel und regelmäßig Alkohol zu trinken seit Jahren kontinuierlich abnimmt, bewegt sich die absolute Menger verzehrter alkoholhaltiger Getränke nach wie vor auf einem hohen Niveau. 2018 tranken die Deutschen im Durchschnitt pro Kopf 102 Liter Bier, 23,9 Liter Wein und 5,4 Liter Schnaps. Das entspricht circa 300 kleinen Flaschen Bier, 190 kleinen Gläsern Wein und fast acht Flaschen Schnaps. Unter der Annahme, dass knapp 30% der Befragten angaben, keinen Alkohol konsumiert zu haben (s. oben), muss die Gesamtmenge unter weniger trinkenden Menschen aufgeteilt werden und ist somit noch zusätzlich deutlich höher. Obwohl allgemein bekannt ist, dass der Konsum von Alkohol gesundheitsschädlich ist, greifen viele Personen - ob jung oder alt - immer wieder gerne darauf zurück. So hat es sich ergeben, dass die Diagnose „psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ im Jahr 2017 den zweithäufigsten Behandlungsgrund in deutschen Krankenhäusern darstellte.2 Hinzu kommen zahlreiche Behandlungen durch langfristige Folgen von Alkoholkonsum wie Lebererkrankungen, Bluthochdruck, Depressionen oder Demenz. Somit verursacht der Konsum von Alkohol immense Kosten im Gesundheitssystem, die durch Steuergelder von der Bevölkerung getragen werden müssen. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland werden je nach Schätzung auf einen Betrag von bis zu 40 Milliarden Euro im Jahr taxiert, wovon rund ein Viertel auf direkte Kosten für das Gesundheitssystem entfällt.3
Kommen wir zu den Zigaretten. Ob in Restaurants, Bars, Kneipen etc. geraucht werden darf oder nicht und unter welchen Umständen das Rauchen erlaubt ist, wird auf Länderebene geregelt. Angefangen hat die Diskussion um ein mögliches Rauchverbot im Jahr 2007, als die damalige Bundesregierung ein Nichtraucher[innen]schutzgesetz bekannt gab. Dass die Entscheidungen auf Landesebene getroffen werden und es somit den Ländern selbst überlassen bleibt, Vorschriften zu definieren und anzugeben, wie weit das Gesetz greift, ist auf das Wirken der Tabakindustrie zurückzuführen.4 Nichtraucher*innenverbände weisen insgesamt darauf hin, dass die Tabaklobby in Deutschland eine große Macht auf die Politik ausübt. Somit war Deutschland der einzige EU-Mitgliedsstaat, der noch bis Juli 2020 großflächige Tabakwerbung auf Plakaten im öffentlichen Raum erlaubte.5
Seit 2017 herrscht in allen 16 Bundesländern ein generelles Rauchverbot, das aber zum Teil sehr unterschiedlich zum Tragen kommt. Der größte Schutz wird nichtrauchenden Menschen in Nordrhein-Westfalen, Bayern und dem Saarland zu Teil. Hier gilt ein striktes Rauchverbot in allen Kneipen und Gaststätten. In Niedersachsen, Bremen und Baden-Württemberg hingegen gilt ein gesetzliches Rauchverbot nur in Gaststätten mit einer Gesamtfläche von über 75m2. Gaststätten mit einer Fläche unter 75m2, die nicht freiwillig ein Rauchverbot aussprechen, sind aufgefordert das Mindestalter der Gäste auf 18 hochstufen und dürfen zusätzlich kein Essen ausgeben. Außerdem gelten weitere Ausnahmeregelungen pro Bundesland in verschiedenen Lokalitäten. So darf zum Beispiel in allen Bundesländern außer Bayern, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland in Diskotheken, Außengastronomien, Festzelten und Innenräumen innerhalb von Gaststätten geraucht werden, wenn diese deutlich abgetrennt und gekennzeichnet sind und es keine Tanzfläche gibt.6
Nicht rauchende Personen (und auch die rauchenden Personen selber) vor den Schäden des Tabakrauches zu schützen, sollte eine viel höhere Priorität in unserer Gesellschaft einnehmen. Der Konsum von Zigaretten hat viele Konsequenzen und bringt teils verheerende Folgen mit sich. Jährlich sterben in Deutschland rund 110.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.7 Dass das Rauchen immer noch an vielen Orten des öffentlichen Lebens möglich ist, zeigt, dass hier nach wie vor den Interessen von Konzernen und Lobbyist*innen Vorzug gegenüber der Gesundheit und dem Schutz der Bevölkerung gegeben wird. Auch das Scheinargument, dass durch den Kauf von Zigaretten Steuern generiert würden und der Staat auf diese Einnahmen angewiesen sei, ist dabei hinfällig. Die Kosten, die durch das Rauchen im Gesundheitswesen entstehen, übersteigen die Einnahmen aus den Steuern um ein Vielfaches.7
Insgesamt lässt sich sagen, dass es sich sowohl bei Alkohol als auch bei Zigaretten um Formen von Rauschmitteln handelt, die sich nicht nur auf den*die Konsument*in auswirken, sondern auch direkten Einfluss auf die Mitmenschen der konsumierenden Personen haben. Es genügt ein Molekül im Zigarettenrauch, um die Zellen in der Lunge einer passiv rauchenden Person zur Mutation anzuregen und Krebs auszulösen. Weiterhin steht mehr als ein Viertel aller registrierten Gewalttaten nach polizeilichen Erkenntnissen im Zusammenhang mit übermäßigem Alkoholkonsum, da das Trinken von Alkohol die Risikobereitschaft und das Aggressionsverhalten erhöht.2 Somit trifft jede Person, die sich betrinkt oder in Anwesenheit anderer eine Zigarette raucht, auch immer für andere Menschen als sich selbst eine Entscheidung und setzt sie einem unnötigen Risiko aus. Hierbei kommt die Diskrepanz, mit der Deutsche über Rauschmittel denken, besonders zum Vorschein: Drogen wie MDMA sorgen dafür, dass Menschen glücklich werden und ihrer Mitwelt erzählen, wie sehr sie sie lieb haben, LSD sorgt für ein starkes Gemeinschaftsgefühl mit allen Lebewesen und der Erde insgesamt, der Konsum von Pilzen regt zur Reflexion über die eigene Person an und fördert eine kritische Auseinandersetzung. All diese Drogen werden aber von der Gesellschaft abgelehnt, da sie gesetzlich verboten sind. Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich die Moral der Deutschen (hier) streng an der gesetzlichen Lage orientiert und die Frage, ob sie sich überhaupt eigene Gedanken machen, um ihren moralischen Kompass auszurichten. Eine mündige Bevölkerung muss aber in der Lage sein, sich kritisch mit den herrschenden Regeln und Normen auseinandersetzen zu können. Demokratie kann nicht funktionieren, wenn die Zivilgesellschaft sich in blindem Gehorsam übt und sinnlose Vorschriften ohne Weiteres akzeptiert. Natürlich soll hier nicht angespielt werden, dass die Legalisierung verbotener Substanzen für eine funktionierende Demokratie nötig sei. Vielmehr möchten wir grundsätzlich zum Denken anregen und zu Bedenken geben, dass die Tendenz Vorgaben schlicht als eigene Moral zu übernehmen, anstatt sich selbst Gedanken zu machen, was richtig und was falsch ist, einen gefährlichen Beigeschmack hat.
Alkohol- und Tabakkonsum sind nicht nur in Übermaßen schädlich, sondern auch der routinierte Konsum geringer Mengen kann bereits schlimme Folgen mit sich bringen. Macht den Test (https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol-tests/alkohol-selbsttest/) und sucht euch Hilfe, wenn ihr mit dem Trinken oder Rauchen aufhören wollt! Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt!
- https://www.esa-survey.de/fileadmin/user_upload/Literatur/Berichte/ESA_2018_Tabellen_Alkohol.pdf
- https://www.kenn-dein-limit.de/alkoholkonsum/folgen-von-alkohol/
- https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_2017_02_Alkoholkonsum_Erwachsene.pdf?__blob=publicationFile
- https://www.green-line.de/nichtraucherschutzgesetze/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Rauchverbote_nach_Land#Deutschland
- https://www.klugo.de/blog/rauchverbot-in-deutschland
- https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/AdWfP/AdWfP_Die_Kosten_des_Rauchens_in_Deutschland.pdf
