Sprache: Einfluss und Wirkung

Staffel 1, Folge 5
oder wie Sprache Bilder erzeugt, unsichtbar macht und kapitalistisch geprägt ist
Sprache schafft Wirklichkeit. Unsere Sprache und insbesondere unsere Wortwahl haben einen großen Einfluss auf das, was wir denken und somit auf unsere Realität. Sprache ist das Kernelement unserer Kommunikation. Wir brauchen sie zum Denken, um uns auszudrücken und verständlich zu machen und auch dazu, unser Erlebtes mit Anderen zu teilen. Sprache kann wunderschön sein, positive Bilder und Gefühle in uns auslösen, uns in Erinnerungen schwelgen oder von der Zukunft träumen lassen. Sie kann aber auch schmerzhaft sein, uns unter die Haut gehen und uns aufs Tiefste verletzen. Obwohl wir alle sie tagein tagaus in den verschiedensten Formen nutzen, denken wir kaum darüber nach, welche Auswirkungen sie auf uns und unsere Mitmenschen hat. Sie ist für uns eine absolute Selbstverständlichkeit: so normal und natürlich, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, weshalb wir ihr kaum Beachtung schenken.
Natürlich trifft das nicht auf alle Menschen zu. Es gibt Menschen, wie Autor*innen, Journalist*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen uvm, die vom Einsatz ihrer Sprache leben, sowie Menschen, die ihre Sprache gezielt einsetzen können, um Gespräche zu lenken, ihr Gegenüber für sich zu gewinnen und ggf. sogar zu beeinflussen oder zu manipulieren. Dies kann zum einen eine natürliche Gabe sein, aber zum anderen kann es auch durch Fleiß und Aufmerksamkeit erlernt werden. Eine Taktik, die Meinung von Menschen durch Sprache in eine vorgegebene Richtung zu lenken, ist das politische Framing. Beim politischen Framing werden bestimmte Wörter genutzt, die das Gesagte in einen gewissen Rahmen setzen. Dieser Rahmen gibt durch Konnotationen einen Kontext vor und sorgt dafür, dass die Gedanken der Zuhörenden in vorgegebene Bahnen gelenkt werden. Konnotationen sind Informationen, die in einem Wort mitschwingen, ohne dass sie gesagt werden müssen. Sie sind Nebenbedeutungen, die Gefühle und Assoziationen in uns hervorrufen. Ein hervorragendes Beispiel zur Verdeutlichung dieses Phänomens sind die Wörter Klimawandel, Klimakrise und Klimakatastrophe. Ein Wandel ist nicht grundsätzlich negativ konnotiert. Er kann sowohl positiv als auch negativ sein, aber wird normalerweise eher in Verbindung gebracht mit freudiger Erwartung als mit Tod und Elend. Eine Krise assoziieren wir mit etwas, das zwar unangenehm, aber zeitlich stark begrenzt ist - eine Krise geht vorüber. Eine Katastrophe hingegen ist eindeutig etwas Schlimmes. Vor unserem inneren Auge entstehen Bilder von Fluten, Wirbelstürmen und Erdbeben, wenn wir das Wort “Katastrophe” hören. Dies ist der Grund, warum für dasselbe Problem unterschiedliche Wörter gewählt werden. Je nachdem, welchem politischen Lager eine Person angehört, wird sie sich für den ein oder anderen Begriff entscheiden, um in unserer Vorstellung die ihrer Meinung nach richtigen Bilder auszulösen.
Ein weiteres Beispiel für politisches Framing ist der Ausdruck “linksgrün versifft”. Er wird gerne von Konservativen und Rechten genutzt, um progressive, soziale und zukunftsorientierte Gedanken und Ideologien zu verunglimpfen. Durch das Wort “versifft” wird eine Verschmutzung oder Verunreinigung impliziert. Es lässt uns eher an eitrige Wunden oder an eine Küche, in der sich der Abwasch der letzten sechs Wochen stapelt, denken, als an Menschen, die sich für das Gemeinwohl und eine bessere Welt einsetzen. Somit erzeugen Konservative und Rechte, wenn sie den Ausdruck “linksgrün versifft” gegen ihre politischen Kontrahenten einsetzen, direkt ein Gefühl des Ekels bei den Zuhörenden, welches dann zur Ablehnung der benannten Gruppe führen kann. Durch die Selbstbezeichnung “linksgrün versifft” eignen sich Linke und Grüne den Begriff an und nehmen ihm somit seine diffamierende Kraft. Natürlich spielt dabei auch ein gewisses Maß an Selbstironie eine entscheidende Rolle.
Außer dem politischen Framing ist das Gendern ein Thema, bei dem es um Sprache geht und das (in letzter Zeit besonders intensiv) hitzig diskutiert wird. Manche mögen der Meinung sein, dass es sich beim Gendern um ein modernes Thema handelt, das in dieser Form erst in den 1970er Jahren Einzug in den politischen Diskurs gefunden hat. Tatsächlich sprach sich aber bereits 1748 der Schriftsteller Johann Christoph Gottsched in seinem Buch “Grundlegung der deutschen Sprachkunst” für die Nutzung der weiblichen Form aus, wenn über weibliche Personen gesprochen wird, statt der Nutzung des generischen Maskulinums. In der deutschen Sprache haben alle Nomen ein grammatisches Geschlecht (das Genus): der Baum, das Haus, die Tür. Zusätzlich haben Personen ein biologisches Geschlecht (den Sexus). Vereinfacht wird im Deutschen (und auch vielen anderen Sprachen) häufig das generische Maskulinum verwendet, um Personen und Gruppen zu beschreiben - unabhängig von ihrem Sexus. Der Sozialarbeiter kann grundsätzlich auch eine Frau sein. Unter den Sozialarbeitern findet sich mit Sicherheit eine Frau. Diese Vereinfachung hat zur Folge, dass Menschen und Gruppen von Menschen unsichtbar gemacht werden. Studien zeigen, dass es Menschen leichter fällt, sich einen Spezialisten als Frau vorzustellen, wenn in der Beschreibung der Person genderneutrale Sprache genutzt wird.
Diese Unsichtbarmachung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen wirkt sich konkret auf die Lebensrealität der Betroffenen aus. Eine Studie, die bereits im Jahr 1973 im Journal for Applied Social Psychology veröffentlicht wurde, zeigt, dass Frauen sich signifikant seltener auf Positionen bewerben, die mit einer im generischen Maskulinum verfassten Stellenbeschreibung beworben werden. Hinzu kommt, dass die wenigen Frauen, die sich auf eine solche Stelle bewerben, auch seltener für die Position in Betracht gezogen werden. Die Befragten geben an, dass die Frau ihrer Meinung nach zwar einem männlichen Kollegen entsprechende Qualifikationen und Kompetenzen aufzuweisen scheint, sie sich aber die Bewerberin schlicht nicht in der genannten Position vorstellen können. Durch die im generischen Maskulinum verfasste Stellenbeschreibung entstehen in unseren Köpfen nur Bilder von Männern. Demnach hat ein Großteil der Gesellschaft Probleme, sich Frauen in den genannten Positionen vorzustellen und es wird wieder und wieder Männern den Vorzug gegeben.
Natürlich werden wir das Patriarchat nicht allein dadurch stürzen, dass wir konsequent gendern. Dazu ist es viel zu mächtig. Aber durch das Gendern können wir die vorgefertigten und gefestigten Schablonen in unseren Köpfen aufweichen und neue Assoziationen kreieren. Kleine Mädchen können sich plötzlich vorstellen Astronaut*in oder Mathematiker*in zu werden. Wir denken nicht nur an Michael Jackson, Usher und Freddy Mercury wenn wir das Wort Musiker*innen hören, sondern vielleicht auch an Aretha Franklin, Beyonce oder Tarja Turunen. Außerdem steigen auch die Chancen, dass wir unsere Stimme einer Frau geben, wenn wir gefragt werden, welche*n Politiker*in wir bei der nächsten Wahl wählen werden, und nicht nach einem “Politiker” gefragt wird. Ein weiterer wichtiger Punkt des Genders ist die Auflösung der Binarität von Mann und Frau. Intersexuelle, nicht-binäre, transsexuelle und asexuelle Menschen leiden in unserer Gesellschaft unter zusätzlichen Diskriminierungsformen, weshalb ihre Meinung bei der Diskussion um gendergerechte Sprache am schwersten wiegt. Das Gendern mit dem Gendersternchen (geschrieben) und dem Glottisschlag (gesprochen) schafft optisch und akustisch Raum für alle Genderidentitäten, die sich von cis-weiblich und cis-männlich unterscheiden.
Konservativen Menschen ist das Gendern ein Dorn im Auge. Sie instrumentalisieren die Tradition der Sprache für ihren diffamierenden politischen Diskurs und behaupten, bestimmte Wörter würden Teil des kulturellen Erbes sein, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass diese Wörter für Andere verletzend und retraumatisierend sein können. Die Tradition der Sprache muss in ihren Augen auf jeden Fall erhalten bleiben. Dabei hat Sprache sich schon immer gewandelt. Menschen, die keine Lust haben, sich weiterzuentwickeln und lieber auf ihrem privilegierten Standpunkt stehen bleiben, sind daher leichte Beute für die konservative Propaganda um Sprachverbote. Immer wieder wird die vermeintliche Frage “Das wird man doch wohl noch sagen dürfen?” aufgeworfen, um ungehindert weiterhin sexistische, rassistische und auf andere Art und Weise diskriminierende Wörter und Ausdrucksformen verwenden zu können. Dabei geht es gar nicht darum, Wörter oder Sprache zu verbieten. Es geht darum, ob wir diskriminierende Sprache nutzen wollen. Wer sich sexistischer, rassistischer oder auf andere Art und Weise diskriminierender Sprache bedienen möchte, soll das tun. Er*sie muss dann aber auch damit zurechtkommen, dass er*sie von Feminist*innen, Anti-Rassist*innen und anderen Menschen, die sich gegen Diskriminierung auflehnen, zur Rede gestellt wird. Man wird jawohl noch sagen dürfen, dass jemand ein*e Sexist*in/Rassist*in ist, der*die sexistische/rassistische oder auf andere Art und Weise diskriminierende Sprache gebraucht?
Interessant ist auch, wie der Kapitalismus unseren Sprachgebrauch beeinflusst. Viele kapitalistisch beeinflusste Wörter finden über die englisch Sprache Einzug in die deutsche. Das Wort “Wellness” beispielsweise bedeutete in seiner Ursprungsform um 1700 nichts weiter als die Abwesenheit von Krankheit (sickness). Inzwischen ist das Wort “Wellness” auch im Deutschen sehr geläufig, hat hier aber einen sehr viel individualistischen Beigeschmack. In dem Begriff der Wellness verbirgt sich, dass es uns aktiv gut gehen muss. Wir sollen Wellness in Form von Sauna, Spa-Tagen, Pediküre, Maniküre, Friseur*in, Masken und Düften konsumieren. Unsere Wellness wird dabei zu einem Gut, das wir käuflich erwerben können. Problematisch ist hierbei wiederum das Paradigma des Kapitalismus: es gibt kein Ende und theoretisch könnten wir immer noch ein bisschen mehr tun, um unsere Wellness weiter zu erhöhen.
Ein weiteres Beispiel des kapitalistischen Einflusses auf unsere Sprache ist das Wort "produktiv". Im eigentlichen Sinne bedeutet das Wort konkret eine Ware herzustellen, wie zu Zeiten der Industrialisierung bei der Lohnarbeit in den Fabriken. Heutzutage allerdings haben wir selbst in unserer Freizeit ständig das Gefühl, “produktiv” sein zu müssen - Waren stellen wir dabei in den seltensten Fällen her. Die Entkopplung der Bedeutung des Wortes von seinem eigentlichen Sinn und seine Übertragung auf uns Menschen wird uns zum Verhängnis. Zum einen werden wir durch die Übertragung mit Maschinen gleichgesetzt und zum anderen vermittelt uns die Entkopplung das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen. Eine Maschine ist möglichst produktiv, wenn sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Waren produziert. Sie wird laufend optimiert, um den bestmöglichen Ertrag in möglichst kurzer Zeit zu erzielen. Wird dieses Konzept nun auf uns übertragen, wird impliziert, dass auch wir uns ständig verbessern müssen, um noch produktiver zu werden. Somit versuchen auch wir in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu leisten. Nach einem Tag auf dem Sofa mit Chips und Netflix haben wir das Gefühl, unproduktiv gewesen zu sein und fühlen uns wertlos. Waren wir aber joggen, haben Wäsche gewaschen, sind einkaufen gegangen und haben uns mit Freund*innen getroffen (oder haben auch einfach acht Stunden vor unserem Computer sinnlose Lohnarbeit erledigt) sieht es anders aus: auch wenn wir auch in diesem Fall nicht im eigentlichen Sinne des Wortes produktiv waren (wir haben keine Waren hergestellt), werden wir uns am Ende des Tages doch sehr gut fühlen, da wir das Gefühl haben produktiv gewesen zu sein.
Auch das Wort investieren hat seinen Ursprung im Kapitalismus und wird heute in verschiedenen Bereichen gerne genutzt. Während die eigentliche Bedeutung die Vermehrung von Kapital beinhaltete, sind heutzutage auch andere Formen der Investition möglich. Wir investieren nicht länger nur in Immobilien und weitere Geldanlagen, sondern auch in unsere Zukunft, unsere Gesundheit und sogar unsere Freund*innenschaften. Das Problem des Wortes ist dabei, dass eine Investition zwangsläufig auch immer mit einer Rendite verbunden ist. Das heißt, dass uns durch die Konnotationen des Wortes das Gefühl vermittelt wird, dass wir Dinge nicht länger aus intrinsischer Motivation heraus tun können, sondern alles einen Mehrwert mit sich bringen oder sich lohnen muss. Somit treiben wir nicht länger Sport, weil es uns Spaß macht, sondern um gesund zu werden (Investition in unsere Gesundheit) oder einen tollen Körper zu kriegen (Investition in unser Aussehen). Wir “investieren” Zeit und auch Arbeit in unsere Beziehungen, solange diese uns etwas bringen (das kann bedeuten, dass wir geliebt werden oder auch, dass wir Zugehörigkeit empfinden). Aufopferung und Selbstlosigkeit verlieren dabei immer mehr an Bedeutung.
Im Kapitalismus gilt alles, was nicht stetig bis ins Unendliche wächst, als gescheitert. Ist es ein Zufall, dass auch alles Weitere in unserem Leben, das nicht für immer Bestand hat, als gescheitert angesehen wird oder besteht hier ein Zusammenhang? Wenn ein erfolgreiches Restaurant nach zehn Jahren den Betrieb einstellt, gilt es als gescheitert. Wenn eine Ehe nach 20 glücklichen Jahren geschieden wird, gilt sie als gescheitert. Wenn zwei Freund*innen sich entscheiden künftig getrennte Wege zu gehen, gilt ihre Freund*innenschaft als gescheitert. Müssen all diese Dinge auf ewig Bestand haben, um anerkannt werden zu können? Sollten wir nicht viel mehr zu schätzen lernen, dass auch in der Unbeständigkeit eine Positivität liegen kann, die uns gut tut und dass Dinge, auch wenn sie inzwischen vorüber sind, einen Wert gehabt haben können? In Wirklichkeit ist der Kapitalismus gescheitert! Tagtäglich sterben und leiden Menschen, weil der Kapitalismus nicht funktioniert und trotzdem an ihm festgehalten wird. Wir sollten deshalb versuchen, unser kapitalistisches Mindset zu überwinden und erkennen, dass Kapitalismus zerstörerisch ist. Vielleicht könnte es ein erster Schritt in Richtung seiner Überwindung sein, ihn aus unserer Sprache zu verbannen. Denn wie bereits eingangs erwähnt: Sprache schafft Wirklichkeit! Lasst uns deshalb bewusst die Sprache wählen, die die Wirklichkeit erschafft, in der wir leben wollen!
