Sexarbeit

Staffel 1, Folge 7
oder Wie die Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen sich auf unsere Gesellschaft als Gesamtes auswirkt
Vorab: wir beziehen uns in diesem Text und unserer Podcast-Folge auf Sexarbeit - also ein Verhältnis zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in. Die Personengruppen über die wir sprechen, werden am Gewinn, den sie produzieren, beteiligt und haben die Möglichkeit ihre*n Arbeitgeber*in zu wechseln. Ein vollkommen anderes Thema ist es, wenn Menschen gehandelt, versklavt und/oder zum Sex gezwungen werden. In einem solchen Fall kann aber nicht länger von Sexarbeit gesprochen werden, da die Opfer keinerlei selbstbestimmter Arbeit mehr nachgehen, sondern voll und ganz ihren Zuhälter*innen ausgeliefert sind. Es ist wichtig, diese beiden Punkte zu unterscheiden, da sie komplett verschiedene Szenarien darstellen und demnach auch komplett unterschiedliche Lösungsansätze beinhalten.
Fangen wir mit den Fakten an: seit 2017 gibt es in Deutschland das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), welches besagt, dass Sexarbeiter*innen, die als solche tätig sind, verpflichtet sind, sich offiziell bei ihrer jeweilig zuständigen Behörde anzumelden. Im Jahr 2020 waren demnach 24.940 Menschen als Sexarbeiter*in registriert.1 Vermutungen legen nahe, dass die tatsächliche Zahl der Menschen, die in der Sexbranche tätig sind, allerdings viel höher ist. Exakte Daten liegen nicht vor, aber Schätzungen gehen von einer Menge zwischen 200.000 und 400.000 aus.2 Der überwiegende Teil der Sexarbeiter*innen ist weiblichen Geschlechts (93%), 4% der Sexarbeiter*innen sind männlich und 3% transgender.3 Da der Anteil von transgender Personen in der gesamten Gesellschaft deutlich unter 3% liegt, lässt sich leicht erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit in der Sexbranche tätig zu sein nicht nur für Frauen, sondern auch für transgender Personen wesentlich höher ist, als für Männer. Der Grund dafür ist, dass transgender Personen in einer transfeindlichen Gesellschaft wie unserer sehr stark diskriminiert werden und ihnen daher in manchen Fällen keine anderen Möglichkeiten zur Verfügung stehen für ihren Unterhalt zu sorgen, als in der Sexbranche tätig zu sein. Je nach Region sind bis zu 85% der Sexarbeiter*innen Migrant*innen. Sie kommen in den meisten Fällen aus Rumänien, Bulgarien oder Ungarn und sind zu 76% zwischen 21 und 44 Jahren alt, zu 17% 45 Jahre und älter und zu 6% zwischen 18 und 20 Jahren alt.2 Zu der Anzahl minderjähriger Sexarbeiter*innen in Deutschland konnten wir keine verlässlichen Zahlen finden.
Kommen wir zu den Kund*innen: während einer in den Jahren 2018 und 2019 durchgeführten Studie wurden 2.336 Männer im Alter von 18 bis 75 Jahren befragt, ob sie grundsätzlich in ihrem Leben schon einmal für Sex bezahlt haben und ob sie im vergangenen Jahr Sex käuflich erworben haben.4 Insgesamt gaben 26,9% der Befragten an, schon einmal in ihrem Leben für Sex bezahlt zu haben und 4,0%, dass sie dies im letzten Jahr getan hätten. Die Tabelle zeigt die Anteile der Männer, die die beiden Fragen je mit “Ja” beantwortet haben, in den jeweiligen Altersgruppen.
Altersgruppe | Hast du schon einmal für Sex bezahlt? | Hast du im letzten Jahr für Sex bezahlt? |
18 bis 25 Jahre | 14,7% | 5,1% |
26 bis 35 Jahre | 27,2% | 4,9% |
36 bis 45 Jahre | 29,9% | 1,6% |
46 bis 55 Jahre | 33,5% | 6,5% |
56 bis 65 Jahre | 26,2% | 2,4% |
66 bis 75 Jahre | 24,1% | 2,8% |
Gesamt | 26,9% | 4,0% |
Außerdem ergab eine Studie in den 1990er Jahren, dass 18% der geschlechtsreifen Männer dauerhaft aktiv Sex käuflich in Anspruch nehmen.3 An den Zahlen lässt sich erkennen, dass das Kaufen von Sex also für einen großen Teil der Männer in Deutschland zur Normalität gehört. Im Diskurs über Sexarbeit wird allerdings fast nur über die (bis zu 400.000) Frauen gesprochen, die diesen Service zur Verfügung stellen. Sie werden stigmatisiert, ghettoisiert und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Die 1.000.000 Männer, die täglich Geld für Sex ausgeben und ansonsten ein ganz normales Leben führen, teilweise danach zu ihren Familien und/oder Partner*innen nach Hause fahren und so tun als wäre nichts gewesen, finden im politischen Diskurs um Sexarbeit keine Erwähnung. Das muss sich ändern!
Denn tatsächlich sind Männer der Grund, warum Sexarbeit überhaupt existiert. Mit der Entstehung von Privatbesitz, den Männer sich von Anfang an zu eigen machten, entwickelten sie das Bedürfnis, ihren angehäuften Besitz auch über das Ableben hinaus nicht zu verlieren. Dies konnte nur sichergestellt werden, wenn sie ihren Besitz an ihre eigenen Söhne weitergeben konnten. Um aber überhaupt wissen zu können, welches ihre eigenen Söhne waren, musste die weibliche Sexualität kontrolliert werden und sichergestellt werden, dass die Geschlechtspartnerin eines bestimmten Mannes nicht auch noch mit anderen Männern schlief. Auf diese Weise konnten die Männer sicher sein, dass die Kinder, die ihre Frauen zur Welt brachten, auch wirklich ihre eigenen waren. Sie konstruierten die monogame Ehe, um ihrem Anspruch nach sexueller Kontrolle ein offizielles Gerüst zu verleihen. Allerdings galt die Monogamie nur für die Frauen: die Männer selbst ließen es sich nicht nehmen, weiterhin wechselnde Sexualpartnerinnen zu haben. Da es aber inzwischen für Frauen verpönt war, außerhalb der Ehe Sex zu haben, mussten die Männer den Frauen, die nicht ihre Ehefrauen waren, etwas anderes bieten, damit sie mit ihnen schliefen. Um sich also nicht sexuell auf eine Frau beschränken zu müssen, fingen die Männer an, Frauen, die nicht ihre Ehefrauen waren, für ihre sexuellen Dienste zu bezahlen. Es entstand die Sexarbeit. Bereits Friedrich Engels verknüpft in seinem Werk “Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates” (1884) die Monogamie mit der Prostitution. Er sagt, dass Monogamie und Prostitution zwar Gegensätze sind, aber untrennbare Gegensätze, und bezeichnet sie als Pole desselben Gesellschafszustandes. Auch Emilia Roig erwähnt in ihrem Buch “Why We Matter” (2021), dass Ehe und Sexarbeit zwei Seiten einer Medaille sind. Sie sagt, dass sexuelle Beziehungen in einer kapitalistischen Gesellschaft gar nicht unabhängig von wirtschaftlichen Beziehungen existieren können.
Wenn wir erkennen und akzeptieren, dass Sexarbeit und Ehe über die Ausbeutung von Sexualität miteinander verknüpft sind, können wir die verschiedenen Befreiungskämpfe der Frauen vereinen. Dabei ist es wichtig, Sexarbeit als Lohnarbeit anzuerkennen. Es ist niemandem damit geholfen, wenn Sexarbeit aus einer moralischen Perspektive heraus bewertet wird. Durch die Stigmatisierung von Sexarbeit, werden nicht nur die Sexarbeiter*innen diskriminiert (was schon schlimm genug wäre), sondern es ist zusätzlich ein klares Signal an die Gesamtheit der cis- und trans-Frauen, die Regeln des Patriarchats nicht zu überschreiten. Durch eine moralische Betrachtung der Sexarbeit, wird Sex in richtigen Sex und bösen Sex eingeteilt. Richtiger Sex findet dabei in einer festen Partnerschaft statt, zwischen einem Mann und einer Frau, die vorzugsweise vorhaben ein Kind zu zeugen. Böser Sex ist im Umkehrschluss Sex für den bezahlt wird, aber auch homosexueller Sex oder Sex, der lediglich zum Vergnügen stattfindet. Ironischerweise wird ausgerechnet von Menschen, die aus einer moralischen Perspektive über Sexarbeit reden wollen, oft das Thema Lust angebracht, um den Beruf des*der Sexarbeiter*in zu diskreditieren. Sie, die sonst immer propagieren, dass Sex ausschließlich zur Reproduktion gedacht sei, sprechen plötzlich davon, dass Sex doch mit Begehren, Lust und Vergnügen einhergehen und keine finanzielle Transaktion darstellen sollte, wenn es um Sexarbeit geht. Natürlich ist es möglich, dass ein*e Sexarbeiter*in mal keine Lust auf Sex hat. Ich persönlich habe auch manchmal keine Lust darauf, acht Stunden am Tag am Computer zu sitzen. Trotzdem mache ich es an fünf Tagen in der Woche, da ich dafür bezahlt werde. Die meisten von uns arbeiten, um Geld zu verdienen, die wenigsten von uns machen das vollkommen freiwillig. Im Kapitalismus ist Arbeit eine zwingende Notwendigkeit. Ohne Arbeit, bei der wir Geld verdienen, können wir nicht überleben. Wo ist also das Problem, wenn Frauen sich den einzigen Vorteil, der ihnen vom Patriarchat zugeschrieben wird (ihren Körper) dazu nutzen, Geld zu verdienen? So groß ist der Unterschied zwischen Sexarbeit, Büroarbeit und jeder weiteren Arbeit nicht. Am Ende ist alles Lohnarbeit und alle, die nicht zur kapitalistischen Klasse gehören, werden durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft ausgebeutet. Somit ist die Zerstörung des Kapitals, welches Beschäftigte in der Sexindustrie (ebenso wie alle anderen Arbeiter*innen in jeder weiteren Industrie) ausbeutet, um Profit aus ihrer Sexualität (bzw. ihrer Arbeitskraft) zu schlagen, ein wichtiger Schritt zur Befreiung der Frau.
Im feministischen Diskurs gibt es grundsätzlich zwei Lager: die abolitionistischen Feminist*innen und die Sex-positiven Feminist*innen. Beide Ansätze gehen nicht weit genug. Abolitionistische Feminist*innen plädieren dafür, die Inanspruchnahme von Sexarbeit (also die Freier) zu kriminalisieren. Dieses Prinzip wird das nordische Modell genannt. Grundsätzlich scheint die Idee logisch, die überwiegend männlichen Kund*innen, die Sex kaufen, zu Tätern zu machen und die Personen, die Sex verkaufen zu entkriminalisieren. In der Praxis kann aber nicht nur ein Teil einer Transaktion kriminell sein und der andere Teil nicht. An wen sollen die Sexarbeiter*innen ihren Service verkaufen, wenn es offiziell keine Kund*innen gibt? Weitere Verdrängung und Ghettoisierung sind die Folge und die Lage der Sexarbeiter*innen wird weiterhin prekarisiert. Sex-positive Feminist*innen auf der anderen Seite sprechen sich für eine vollkommene Legalisierung und Normalisierung von Sexarbeit aus. Sie behaupten, dass es Teil der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen ist, frei darüber entscheiden zu können, ob sie für Sex Geld nehmen oder nicht. Hierbei wird außer Acht gelassen, dass die wenigsten Frauen wirklich frei sind sich für die Sexarbeit zu entscheiden. Bei denen, die die Entscheidung vollkommen frei treffen können, handelt es sich meistens um hoch privilegierte Frauen, die als Escort oder im Edelbereich zuständig sind. Der Großteil der Frauen ist allerdings, wie bereits weiter oben erwähnt, durch finanzielle Gründe gezwungen, einen Beruf auszuüben und hat somit nicht die freie Wahl. Außerdem ignorieren Sex-positive Feminist*innen dass die Kommerzialisierung der Sexualität von Frauen zu ihrer Objektivierung beiträgt und somit auch einen Einfluss auf die Frauen außerhalb der Sexbranche hat.
Um die Ausbeutung in der Sexarbeit zu überwinden ist es also weder zielführend sie komplett zu normalisieren, noch sie weiter zu reglementieren. Wir müssen erkennen, dass die Sexindustrie nicht unabhängig vom Rest der Gesellschaft existiert und aufhören Sexarbeiter*innen zu stigmatisieren. Sexarbeiter*innen können nur frei sein, wenn Frauen frei sind und Frauen können nur frei sein, wenn Sexarbeiter*innen frei sind. Die Befreiung der Sexarbeiter*innen muss deshalb ein fester Bestandteil der Frauenrevolution sein.
- https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Prostituiertenschutz/Tabellen/prostitutionstaetigkeit2020.html
- https://de.statista.com/infografik/20104/in-deutschland-gemeldete-prostituierte/
- https://www.lightup-movement.de/hard-facts/prostitution
- https://de.statista.com/infografik/28711/anteil-der-maenner-die-bereits-fuer-sex-bezahlt-haben/
- https://young-struggle.org/im-schatten-des-rotlichts-was-ist-sexarbeit-und-vor-welche-aufgaben-stellt-sie-uns-als-marxistinnen/
