Selbstakzeptanz

Jon Tyson via Unsplash

Staffel 1, Folge 4

oder wie Kapitalismus und Patriarchat uns Glauben machen, dass mit uns etwas nicht stimmt

Das Thema der Selbstliebe findet in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien und der Popkultur. Aber was hat es damit auf sich und lösen unsere Selbstzweifel sich wirklich in Luft auf, wenn wir diese Armbanduhr/dieses Handy/dieses Kleid/… kaufen oder uns noch ein bisschen weiter selbst optimieren? Wohl kaum! Das Thema der Selbstakzeptanz, oder auch Selbstliebe, lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten. In diesem Text befassen wir uns zum einen mit der kapitalistischen Aneignung des Begriffs der Selbstliebe und zum anderen mit dem zugehörigen feministischen Konzept. Außerdem gehen wir darauf ein, was Liebe überhaupt ist und wie sie vom Patriarchat instrumentalisiert wird, um Frauen klein zu halten.

 

Im Kapitalismus hat es den Anschein, dass alles möglich ist, wenn wir nur genug Geld haben. Uns wird Glauben gemacht, dass wir automatisch gut aussehend, gesund und glücklich sind, wenn wir bestimmte Produkte kaufen: die Mitgliedschaft im Fitnessstudio für die Sommerfigur, den Standmixer für grüne Smoothies, die Sonnenbrille für den richtigen Look, das schnelle Auto, um Andere zu beeindrucken, … Produkte werden mit Glücklichsein gleichgesetzt und Glücklichsein mit Selbstliebe. Du zweifelst an dir? Kein Problem, kauf dir diese Bluse und du wirst wieder zufrieden mit dir sein. Wenn das nicht hilft, buche diesen Meditationskurs und finde zu dir selbst. So oder so ähnlich verleitet uns Werbung im Kapitalismus dazu, immer mehr Produkte anzuhäufen, die wir überhaupt nicht brauchen. Außer dem Märchen, dass wir Produkte brauchen, um glücklich zu sein bzw. uns selbst akzeptieren und lieben zu können, vermittelt uns der Kapitalismus, dass wir selbst für unser Glück und unseren Erfolg verantwortlich sind: wir alle können es schaffen, wenn wir uns nur doll genug anstrengen und es wirklich wollen. Dieses Narrativ ist äußerst problematisch. Zum einen lässt es außer Acht, dass wir nicht alle mit den gleichen Grundvoraussetzungen starten, und zum anderen besagt es im Umkehrschluss, dass es unsere eigene Schuld ist, wenn wir versagen. Selbstliebe und Erfolg im Kapitalismus sind auf diese Art bedenklicherweise miteinander verknüpft. 

 

Aus feministischer Sicht ist es ein rebellischer Akt, sich selbst zu lieben. Insbesondere Frauen wird im Patriarchat das Gefühl vermittelt, dass sie wertlos wären. Sich dagegen aufzulehnen erfordert viel Mut und Durchhaltevermögen - zwei Qualitäten, die nicht allen Frauen automatisch zur Verfügung stehen. Um trotzdem Wertschätzung erfahren zu können, suchen Frauen deshalb nach Liebe. Leider wird vielen kleinen Mädchen von Kindesbeinen an beigebracht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Beispielsweise durch Sätze wie, dass sie niemals einen Ehemann finden werden, wenn sie sich auf bestimmte Art und Weise verhalten, wird ihnen klar gemacht, dass sie nicht um ihrer selbst Willen liebenswert sind, sondern nur einen Anspruch auf Liebe haben, wenn sie sich in das System einfügen ohne anzuecken. Dieser Umstand führt dazu, dass viele Frauen nach Bestätigung durch Andere suchen, statt sich selbst zu akzeptieren und zu lieben, wie sie sind. Anstatt ihre eigenen Qualitäten und Stärken zu erkennen, denken sie, dass sie Liebe, Anerkennung und Wertschätzung nur durch Andere erfahren können. Auf diese Weise werden Frauen vom Patriarchat klein gehalten, da sie sich nie voll entfalten können und ständig unter der Angst vor Zurückweisung leben müssen. Interessanterweise sollen Männer im Patriarchat eine ganz andere Einstellung zu sich selbst haben: Männer müssen von sich selbst überzeugt sein, dürfen keine Fehler machen und müssen immer eine Antwort parat haben. In Wirklichkeit ist weder das eine noch das andere Extrem erfüllend. Um eine gesunde Beziehung zu sich selbst führen zu können, ist es nötig, nicht nur die eigenen Stärken, sondern auch die eigenen Schwächen zu kennen und zu akzeptieren. 

 

Doch was ist Liebe überhaupt, wenn sie nicht kapitalistisch, aber dafür feministisch ist? Im Patriarchat gibt es exakt zwei akzeptierte Formen von Liebe: heterosexuelle Liebe zwischen einem Mann und einer Frau (vorzugsweise sind beide weiß) und die bedingungslose Liebe von einer Mutter zu ihren Kindern. Dabei ist Liebe in Wirklichkeit viel vielfältiger. Es gibt homosexuelle Liebe, queere Liebe, Liebe zwischen Freund*innen, Nächstenliebe, Liebe zwischen Schwestern und Geschwistern, selbstlose Liebe, offene Liebe und eben auch Selbstliebe (die Liste ist nicht vollständig). Nach 3500 Jahren Patriarchat sind wir oft der Meinung, dass Monogamie eine Grundvoraussetzung für Liebe ist. Das ist ein Irrglaube, den uns die Kirche eingetrichtert hat (und, den Disney aufrechterhält), um die weibliche Sexualität zu kontrollieren. Liebe geht weit über körperliche Lust hinaus. In ihrem Buch “lieben lernen” beschreibt bell hooks Liebe als etwas, das wir tun, im Gegensatz zu etwas, das wir haben oder fühlen. Sie sagt, dass wir Liebe nicht als Nomen, sondern als Verb denken sollten. Liebe sei kein (Gefühls-) Zustand, sondern eine Tätigkeit - etwas, das wir immer wieder tun müssen. Diese Sichtweise ist sehr interessant, da sie Liebe nicht als oberstes Ziel definiert, das erreicht werden muss, sondern als Begleitung auf unserem Weg durchs Leben. Ebenso ist es mit der Selbstliebe. Selbstliebe kann nicht erreicht werden, indem weitere Produkte gekauft werden oder indem weiter an sich gearbeitet wird (durch Yoga-Retreats, Bildungen, oder Ähnliches). Selbstliebe ist eine kontinuierliche Tätigkeit - vielleicht auch ein kontinuierlicher Struggle. Wir alle tragen sie in uns und wenn wir uns von gesellschaftlichen Zwängen befreien und uns stattdessen darauf konzentrieren, was wir um unser selbst Willen wollen, gelingt es uns vielleicht auch sie zu empfinden.

 

Vielen Menschen fällt es schwer, (öffentlich) über Liebe zu sprechen. Das Patriarchat hat Liebe zu einem “Frauenthema” degradiert und sie somit zur Unwichtigkeit verdammt. Liebe wird als etwas Privates dargestellt, das mit dem großen Weltgeschehen nichts zu tun hat. Schlimmer noch: Im Neoliberalismus verschiebt sich das Bild von Liebe weg von den zwischenmenschlichen Beziehungen, hin zur Lohnarbeit. Heutzutage sind wir angehalten, uns mit unserem Job zu identifizieren - ihn zu lieben. Zu Zeiten der industriellen Revolution sah das noch anders aus. Gearbeitet wurde (von Männern), um Geld zu verdienen, nicht um sich selbst zu verwirklichen. Frauen arbeiteten unentgeltlich im eigenen Heim und kümmerten sich um Haushalt und Kinder. Die Familie war der Ort der Erholung und Reproduktion. Die unbezahlte Arbeit, die Frauen zu Hause leisteten, war dabei unabdingbar für die Funktionalität des Systems. Die Männer waren auf die Fürsorge der Frauen angewiesen und da die Frauen (finanziell) von den Männern abhängig waren, hatten sie keine andere Wahl als sich zu fügen. Wenn die Männer am nächsten Morgen nicht erholt zur Arbeit erschienen sind, war es Schuld der Frauen und diese konnten zur Rechenschaft gezogen werden. Heutzutage dürfen Frauen auch außerhalb der eigenen vier Wände arbeiten, was zur Folge hat, dass niemand mehr wie selbstverständlich für das Wohl der arbeitenden Menschen sorgt. Die unbezahlte Care-Arbeit wird aber weiterhin benötigt (und auch weiterhin überwiegend von Frauen erledigt). Offiziell sind wir inzwischen allerdings für uns selbst verantwortlich und müssen neben der Lohnarbeit selbst dafür Sorge tragen, dass wir am nächsten Morgen wieder erholt aufstehen können. Die Schuld für die fehlende Erholung kann nicht länger den Frauen in die Schuhe geschoben werden. Somit musste ein neues Narrativ geschaffen werden, um sicherzustellen, dass das System nicht in sich zusammenfällt. Es entstand die Lüge der Selbstverwirklichung durch Lohnarbeit und jeder Struggle mit ihr wurde zum Privatproblem individualisiert und dadurch trivialisiert. Wir sehen es inzwischen als persönliches Scheitern an, wenn wir im Kapitalismus versagen, statt als Beweis dafür, dass das System nicht funktioniert. Deshalb trauen Menschen sich nicht länger, ihre Versagensängste offen und authentisch auszusprechen. Sie verurteilen sich selbst und fürchten, von Anderen verurteilt zu werden, wenn sie der Last des Kapitalismus nicht standhalten können. Deshalb sind wir so anfällig für das Märchen der Selbstliebe, das der Kapitalismus uns verkauft. Die Tiefe der zwischenmenschlichen Bindungen lässt im Kapitalismus und Neoliberalismus immer mehr nach. Der Fokus verschiebt sich hin zur Selbstverwirklichung im Job. Das erzeugt eine Leere in uns, die angeblich nur dadurch gefüllt werden kann, dass wir uns selbst lieben.

 

Sich selbst zu lieben - oder auch einfach zu akzeptieren - ist allerdings im Kapitalismus und auch im Patriarchat leichter gesagt als getan. Im Kapitalismus ist es überhaupt nur möglich, wenn wir erfolgreich sind und im Patriarchat nur dann, wenn wir uns voll und ganz in die vorgegebenen Geschlechterrollen einfügen und diese zufälligerweise mit unseren persönlichen Wünschen übereinstimmen. Wenn wir den patriarchalen Rollenbildern in unserer Gesellschaft allerdings nicht gerecht werden, werden wir abgestraft. Das kann zur Folge haben, dass wir an uns selbst zweifeln und unsere Selbstliebe und Selbstakzeptanz abnehmen. Gleichzeitig kann es sein, dass wir an uns selbst zweifeln, gerade weil wir die patriarchalen Rollen erfüllen, wenn das bedeutet, dass wir dabei an Authentizität einbüßen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sowohl im Kapitalismus als auch im Patriarchat gewollt ist, dass wir (insbesondere Frauen) mit uns selbst nicht im Reinen sind. Wenn wir ständig von Selbstzweifeln geplagt werden, können wir leichter klein gehalten und kontrolliert werden. Auch machen wir uns weniger Gedanken darum, wie wir den Kapitalismus oder das Patriarchat zerstören können, wenn wir davon ausgehen, dass wir selbst das Problem sind. Deshalb ist es aus feministischer Sicht so wichtig, sich mit dem Thema der Selbstliebe auseinanderzusetzen. Es ist nicht nötig, sich selbst immer voll und ganz toll zu finden. Natürlich dürfen wir auch uns selbst gegenüber kritisch sein - und das sollten wir auch. Uns muss aber klar sein, dass die Stimme in unserem Kopf, die uns immer wieder sagt, dass wir etwas nicht können, dass wir zu dick oder zu dünn sind, zu hässlich, zu hübsch, zu faul, zu aktiv oder zu was auch immer… dass das die Stimme des Patriarchats ist! Gleiches gilt, wenn wir über Andere urteilen. Wir sollten uns öfter fragen, ob wirklich die Anderen das Problem sind oder ob sie vielleicht einfach aus den gefestigten Strukturen herausfallen, die wir für gegeben halten. Nehmen wir einmal an, eine Frau sagt bei einer Party, dass sie findet, dass sie eine tolle Figur hat. Was sind die ersten Gedanken, die uns in den Kopf kommen? Oft wird entweder direkt angenommen, dass sie unsicher ist und etwas überspielen muss, oder dass sie arrogant, eingebildet und unsympathisch ist. Es ist im Patriarchat schlicht nicht vorgesehen, dass eine Frau mit sich selbst (und insbesondere mit ihrem Körper) zufrieden ist. Deshalb fällt es uns leichter, ihr entweder nicht zu glauben oder sie schlicht nicht zu mögen. Wir sollten probieren, darauf zu achten, was in uns vorgeht, wenn Menschen aus dem Rahmen herausfallen, den das Patriarchat für sie vorgesehen hat. Oft sind sie nicht das Problem, sondern wir, indem wir das Patriarchat reproduzieren und Frauen und andere Menschen abstrafen, einfach nur weil sie sich nicht selbst hassen. 

 

Abschließend sei gesagt, dass wir insgesamt probieren sollten, gnädig mit uns selbst zu sein. Oft bringen wir für Andere sehr viel mehr Verständnis auf als für uns selbst und ziehen mit uns selbst wesentlich härter ins Gericht als mit Anderen. Wenn uns also das Patriarchat das nächste Mal ins Ohr flüstert, dass wir für etwas zu dumm wären oder dass wir etwas lieber lassen sollten, dann lasst uns tief durchatmen, ihm im Geiste den Mittelfinger zeigen und denken: Jetzt erst recht!