Frauen im Film 

Jakob Owens via Unsplash

Staffel 1, Folge 2

           

oder wie uns eine männerdominierte Industrie erklärt, wie Frauen zu sein haben

In den letzten Jahren, ist das allgemeine Bewusstsein für die Diskriminierung von Frauen in der Filmindustrie stark gewachsen. Diese Veränderung ist zum Teil der Debatte um die #metoo-Bewegung zuzuschreiben, aber auch andere Faktoren haben hier eine wichtige Rolle gespielt. Frauen erleben in der Filmindustrie Unterdrückung, Belästigung und sexuellen Missbrauch, haben im Film weniger Redezeit, besetzen meist die selben, häufig mit Klischees überladenen Stereotypen, werden schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen und haben es hinter der Kamera meist noch schwerer als vor der Kamera. An dieser Stelle sollte hervorgehoben werden, dass sich der gesamte Blogbeitrag ebenso wie die zugehörige Podcastfolge auf die “westliche” Filmindustrie bezieht, die hauptsächlich durch die nordamerikanische und die Kultur einzelner europäischer Staaten geprägt wird. 

Bei der Besetzung weiblicher Rollen im Film wird von Drehbuchautoren (bewusst nicht gegendert) immer wieder auf die gleichen Stereotypen gesetzt. Frauen verkörpern entweder:

  1. Sexobjekte (teilweise auch Mauerblümchen, die mit etwas Unterstützung plötzlich aufblühen und erfolgreich (bei Männern) werden)
  2. meist etwas biedere, ihre Kinder liebende Mütter/Ehefrauen/Freundinnen
  3. zwar intelligente, aber als Sidekick angelegte, hübsche Assistentinnen, Gehilfinnen oder Partnerinnen starker und/oder intelligenter Männer

Eine nähere Betrachtung dieser Stereotypen offenbart Erschreckendes. Der “Welt-Mädchenbericht 2019 zu Frauenrollen in Kinofilmen” fasst das Stereotyp des Sexobjektes wie folgt zusammen:

  • Weibliche Hauptdarstellerinnen sind viermal häufiger in freizügiger Kleidung zu sehen als Männer: 30% der weiblichen Hauptdarstellerinnen und 7% der männlichen Hauptdarsteller tragen freizügige Kleidung.
  • Frauen sind doppelt so oft halbnackt zu sehen: 15% der weiblichen Schauspielerinnen im Vergleich zu 8% der männlichen Schauspieler.
  • Frauen werden viermal so oft nackt gezeigt: 2% der weiblichen Schauspielerinnen in Einzelszenen im Vergleich zu 0,5% der männlichen Schauspieler.
  • Frauen werden häufiger als Sexobjekte porträtiert: in 15% der Filme gibt es Szenen, in denen die Kamera langsam über die Körper der Frauen fährt. Bei Männern kommt das nur in 4% der Fälle vor. 

Zu der liebenden Frau, die alles für ihre Familie tut, hat eine 2018 veröffentlichte Studie der Organisation “Women and Hollywood” gezeigt, dass nur etwa 34% der Frauen in den 100 erfolgreichsten Filmen aus 2017 berufliche Ziele verfolgen, während ein weitaus größerer Teil  diese im Privatleben erfüllen möchte. Dies kann häufig mit einer glücklichen Familie und einem schönen und sicheren Zuhause übersetzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass berufstätige Frauen - wenn sie denn vorkommen - nicht als komplexe Charaktere, sondern als einfach zu erzählende, flache Persönlichkeiten dargestellt werden und Jobs wie den der Grundschullehrerin, Floristin, Galeristin, Designerin, Journalistin bei einem Klatschmagazin oder ganz klassisch Krankenschwester bekleiden. Natürlich sind dies alles ehrenwerte Berufe, allerdings werden Frauen im Film häufig genau auf diese Jobs reduziert.

Falls eine Frau dann aber doch mal etwas komplexer oder sogar als intelligent dargestellt wird, kommt sie häufig als Ideengeberin eines noch brillianteren Mannes vor oder als eine Person, die von Männern abhängig ist, um an ihr Ziel zu gelangen. Das andere Extrem kommt allerdings auch vor: falls eine Frau als beruflich erfolgreich porträtiert wird und dies ganz ohne einen Mann geschafft hat, ist die Rolle meist als eiskalte Managerin oder Vorgesetzte angelegt, die arrogant, egoistisch, gefühlskalt und knallhart ist. Passenderweise ist diese Frau häufig Single und/oder erfüllt das Klischee der sogenannten “alten Jungfer”.

Um es dem Publikum etwas einfacher zu machen, wurde bereits 1985 ein nicht wissenschaftlicher Test entwickelt, der auf die Stereotypisierung von weiblich besetzten Rollen eingeht und Filme daraufhin beurteilt. Ziel des Bechdel oder Bechdel-Wallace-Test (nach seiner Entwicklerin der Autorin Alison Bechdel) ist es, mithilfe einfacher statistischer Erhebungen sexistische Geschlechterklischees in Filmen aufzuzeigen. Dabei wird durch verschiedene Merkmale geprüft, ob eigenständige weibliche Figuren vorkommen. Die Kriterien bzw. Fragen, auf die ein Film hin geprüft wird, sind:

  • Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?
  • Sprechen sie miteinander?
  • Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Besonders in den letzten Jahren wird der Test häufiger auch medial genutzt, um auf die Objektivierung der Frau im Film hinzuweisen. Sicherlich hat auch er einen großen Beitrag dazu geleistet, dass das Thema eine breitere Öffentlichkeit gefunden hat. Trotzdem gibt es auch einige Kritik an dem Verfahren und eine Weiterentwicklung ist erstrebenswert, da der Test in seiner jetzigen Form kein hinreichendes Kriterium dafür liefert, ob ein Film sexistisch ist oder nicht. Beispielsweise wird der Test oft nur bestanden, da Frauen sich über Hochzeiten und Babys unterhalten. Oder ein Film, der auf einer einzelnen starken Protagonistin basiert, könnte den Test nicht bestehen. 

Erwähnenswert ist aber, dass eine Studie aus dem Jahr 2014 (FiveThirtyEight), in der mehr als 1600 Filme aus den Jahren 1990-2013 untersucht wurden, zeigt, dass Filme, die den Bechdel-Test bestehen, in der Regel erfolgreicher sind - und das obwohl ihre Produktionskosten durchschnittlich um 35% niedriger sind als die von Filmen, die den Test nicht bestehen.

 

Neben dem häufigen Sexismus (gegen Frauen) im Film gibt es ein weiteres großes Problem hinter der Kamera. Wie bereits zu Beginn erwähnt, zeigen zahlreiche Studien, dass der Frauen- (und ihr Redeanteil) im Film in der Regel weit unter dem der Männer liegt. So zeigt zum Beispiel der “Weltmädchenbericht 2018” ebenfalls, dass:

  • es in den untersuchten Filmen doppelt so viele männliche wie weibliche Rollen gibt. Nur etwa ein Drittel aller Figuren sind Frauen (33%).
  • der männliche Redeanteil in den Filmen 67% beträgt, der von Frauen im Vergleich nur 36%. Männer sprechen demnach doppelt so viel wie Frauen. 

Und da es in der Filmindustrie nicht nur um die Leute vor, sondern auch hinter der Kamera geht, sollte ein weiteres Problem aufgezeigt werden, denn auch dort werden Frauen diskriminiert. So untersucht das “Center for the Study of Women in Television and Film” seit mehr als 25 Jahren (anhand der 250 erfolgreichsten Filme), wie viele Jobs in der Filmbranche von Frauen besetzt sind. Das ernüchternde Ergebnis zeigt, dass 2017 gerade einmal 18% der Berufe (von der Regisseurin bis zur Cutterin) von Frauen besetzt waren. Was noch trauriger ist, ist die Tatsache, dass sich an diesem Zustand in den vergangenen 20 Jahren kaum etwas geändert hat, denn in der Studie heißt es weiter, dass der Anteil 1998 bei 17% lag. 

Dieser Trend setzt sich leider auch bei der Anerkennung der Leistung von Frauen in der Filmindustrie fort. Die Statistik zu den Verleihungen der Oscars - der sicherlich bekanntesten und “wichtigsten” Auszeichnung in der Filmbranche - offenbart eine weitere Schieflage zwischen Männern und Frauen. Im letzten Jahrzehnt (2011-2021) gab es in den acht wichtigsten Kategorien insgesamt 697 Nominierungen. 71,1% der Oscars gingen an Männer (wichtig hierbei ist, dass die acht wichtigsten Kategorien auch beste weibliche Haupt- und Nebendarstellerin beinhalten). Einen Oscar gewinnen Männer im Schnitt dreimal häufiger als Frauen. Hierbei fällt eine Kategorie besonders auf: in der über 90-jährigen Geschichte der Oscars wurden insgesamt nur zwei Frauen mit dem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet. Gerade dieser Oscar gilt allerdings als besonders wichtig, da die Person, die Regie führt, nicht nur besonders viel Einfluss auf den Film, sondern auch auf das Gesamtprojekt hat. 

In der Filmindustrie gibt es wie in den meisten anderen Branchen auch nach wie vor die Gender-Pay-Gap. Diese zeigt sich in allen Bereichen, aber für diesen Artikel geht es wieder um den Bereich vor der Kamera. Bei den sogenannten A-Schauspieler*innen verdienen Frauen durchschnittlich 1.1 Millionen US-Dollar weniger als ihre männlichen Kollegen. Allerdings gibt es hier noch einen gravierenderen Unterschied - und zwar bei den Schauspieler*innen über 50. Schauspielerinnen über 50 verdienen durchschnittlich 4 Millionen US-Dollar weniger als gleichaltrige Schauspieler. Diese Art der Diskriminierung ist die perfekte Überleitung zum nächsten Problem - dem Alter. Nirgens zeigt sich die Diskriminierung gegen Schauspielerinnen so wie bei ihrem Alter. Nur wenige Frauen haben es geschafft auch mit über 40 Jahren noch bedeutende Rollen zu besetzen. Häufig fällt diesen Frauen eher die Rolle der (Groß-)Mutter oder die einer Hexe etc. zu. Um an das bereits Gesagte anzuknüpfen, zeigt eine weitere Studie aus dem Jahre 2016: “Je älter Frauen werden, desto weniger Sprechrollen bekommen sie. Je älter Männer werden, desto mehr dürfen sie in Filmen sprechen.” Es gibt viele Berichte darüber, dass Schauspielagenturen und Manager*innen den bei ihnen unter Vertrag stehenden Schauspielerinnen raten, sich bereits zu Beginn ihrer Karriere einige Jahre jünger zu machen, damit sie länger die Chance bekommen, überhaupt für eine Rolle in Erwägung gezogen zu werden. Aber Frauen im Film müssen nicht nur jung sein. Die Filmindustrie verlangt von ihnen auch ein tadelloses Aussehen und erwartet von ihnen immer eine schlanke Figur. Nirgendwo zeigt sich das westliche Schönheitsideal so erbarmungslos wie in der westlichen Filmindustrie.