Das Konstrukt Ehe

Sandy Millar via Unsplash

Staffel 1, Folge 9

oder Wie der Staat sich in unsere intimsten Beziehungen einmischt

In der westlichen Welt nimmt die Zahl der Eheschließungen kontinuierlich ab, während die Zahl der Scheidungen kontinuierlich zunimmt. Trotzdem hat die Ehe nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert und gilt als die einzig akzeptierte Lebensform für die Gründung einer Familie. Dass es sich bei der Ehe um ein zutiefst patriarchales Machtverhältnis handelt, bei dem Frauen in die Abhängigkeit ihrer Ehemänner getrieben werden und ihre kostenlose Arbeitskraft ausgenutzt wird, wird dabei oft vergessen oder ignoriert. 

 

Die Form der Ehe und des Zusammenlebens hat im Laufe der Zeit viele Wandel durchgemacht. Bevor es eheähnliche Konstrukte gab und die Menschen die Erziehung ihrer Nachkommen vertraglich regelten, lebten sie in Promiskuität miteinander - die Partner*innenwahl erfolgte vollkommen frei und war keinerlei Regeln unterworfen. Dann etablierten sich zunächst Gruppenehen, bei denen mehrere Menschen zusammen den Bund der Ehe eingingen und sich gemeinsam umeinander und um den Nachwuchs kümmerten. Im nächsten Schritt folgte die Polygamie und erst im Nachhinein setzte sich die monogame Ehe, so wie wir sie heute kennen, durch. Während Eheschließungen früher häufig Zwangsgemeinschaften waren oder zwischen verschiedenen Clans stattfanden, um das gegenseitige Überlegen zu sichern, wird die Entscheidung den Bund der Ehe einzugehen in den westlichen Ländern heute meist aus freien Stücken und aufgrund von gegenseitiger Liebe getroffen. 

 

Der Rahmen der Ehe, wie sie heute gelebt wird, ist zu einem großen Teil auf das Christentum und die durchgeführte Christianisierung zurückzuführen. 1225 entschied das Vierte Laterankonzil, dass Trauungen nur noch von Priestern durchgeführt werden dürfen, wodurch die Kirche stark an Macht und Einfluss gewann. Es wurden Strafen bei Zuwiderhandlungen eingeführt, was die Menschen den Regeln der Kirche unterwarf. 1530 beschrieb dann Martin Luther allerdings die Ehe als weltliche Angelegenheit, was zur Folge hatte, dass die Ehe in protestantischen Regionen von staatlicher Seite aus vorgeschrieben wurde, anstatt wie zuvor von kirchlicher. Es entwickelten sich viele unterschiedliche Regelungen zur Schließung und Ausführung der Ehe, je nach religiöser Ausrichtung der Region. 1563 beschließ bspw. die katholische Kirche, dass die Ehe nur noch wirksam sei, wenn sie von einem Priester in Anwesenheit zweier Zeug*innen durchgeführt wird. Außerdem sah die katholische Kirche die Ehe als Sakrament an, die protestantische aber nicht. Es entwickelte sich ein Flickenteppich an Vorschriften und Gegebenheiten. Um eine Vereinheitlichung der Bedingungen der Ehe erwirken zu können, gewann eine staatliche Regelung zunehmend an Wichtigkeit. Seit dem 17. Jahrhundert änderte sich zusätzlich die Rolle des Staates. Durch die Aufklärung und den Humanismus etablierten sich neue Werte und Ideale, die von Freiheit, Verantwortlichkeit und Vernunft geprägt waren. Zeitgleich brach die Französische Revolution (1789 bis 1799) mit der Vormacht der Kirche: 1792 wurde die Ehe als Ziviltrauung in Frankreich vorgeschrieben. Auch in Deutschland wurde 1876 ein Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und der Eheschließung erlassen, woraufhin ein*e staatlich bestellte*r Standesbeamte*r für die Beurkundung der Ehe verantwortlich gemacht wurde. 

 

Insgesamt war die Ehe früher eine Schutz- und Zwangsgemeinschaft. Bis zum 18ten Jahrhundert waren Liebe und Sexualität konkret außereheliche Angelegenheiten. Die Ehe diente dem Ausbau aristokratischer Dynastien bzw. war in der bäuerlichen Bevölkerung eine Zwangsgemeinschaft zur Absicherung. Liebe und Sexualität wurden außerhalb der ehelichen Bindungen ausgelebt. Sexualität innerhalb der Ehe fand ausschließlich zur Fortpflanzung statt. Erst durch die Romantik entstand im Bürger*innentum das Ideal von Vereinbarkeit von Liebe, Sexualität und Ehe. Somit wurde im Laufe der Zeit aus einer Schutz- und Zwangsgemeinschaft eine individuell begründete Lebens- und Liebesgemeinschaft. Heute ist es in den westlichen Ländern kaum vorstellbar, sich zu verheiraten, wenn man sich nicht gegenseitig liebt. Zuerst verlieben sich Menschen, dann gehen sie eine Beziehung ein, dann heiraten sie. Diese Abfolge von Ereignissen scheint für uns der natürliche Lauf der Dinge zu sein. Die Tatsache, dass Liebe und Sexualität allerdings erst durch die Romantik Bestandteil der Ehe wurden, steht dieser Vorstellung diametral entgegen. Welche Daseinsberechtigung hat die Ehe heute noch, wenn nicht Liebe und Sexualität ihre Grundpfeiler sind? 

 

Die Ehe hat im Laufe der Zeit so viel Wandel durchlebt, weil sie für den Erhalt des Systems notwendig ist. Früher, als das Gemeinwohl Vorrang hatte, war die Ehe eine Zwangsgemeinschaft, der die Menschen bereit waren, sich zu unterwerfen. Heute in unserer individualisierten Gesellschaft ist die Ehe zu einer freien Entscheidung geworden, die die Menschen persönlich treffen und die nicht länger auf Zwängen basiert. Diese Tatsache macht es umso schwerer, gegen sie zu argumentieren. Aber es ist wichtig, das Konstrukt der Ehe kritisch zu hinterfragen, denn leider führt sie auch heute noch dazu, dass insbesondere Frauen in die Abhängigkeit getrieben und ausgebeutet werden. In Deutschland gibt es das sogenannte Ehegattensplitting, das es möglich macht, das in einer Ehegemeinschaft erwirtschaftete Kapital gemeinsam zu versteuern. Hierbei sind die Steuervorteile umso größer, je größer die Differenz der beiden einzelnen Gehälter ist. Da in den meisten Fällen die Frau in einer heterosexuellen Beziehung weniger verdient als der Mann, wird für gewöhnlich ihr Gehalt stark versteuert und das des Mannes gering - auf diese Weise erhält das Paar insgesamt den größten Gewinn. Oft hat dies zur Folge, dass es sich für Frauen wirtschaftlich nicht länger lohnt, mehr Stunden (oder überhaupt) zu arbeiten, da das zusätzliche Gehalt auch eine Minderung des Steuervorteils mit sich bringen würde und sie unterm Strich ohne Bezahlung arbeiten würden. Natürlich überlegt die Frau sich in diesem Fall zweimal, ob es einen Sinn ergibt, arbeiten zu gehen. Verstärkt wird dieses Phänomen durch die Elternzeit, die nach wie vor zum Löwinnenanteil von Frauen bewerkstelligt wird. Auch wenn die größten Beträge ausgezahlt werden, wenn auch der Mann für eine Weile Elternzeit beantragt, so zeigt die Realität aber, dass der Großteil der Väter den Mindestanspruch von zwei Monaten geltend macht, wohingegen die Frau den restlichen Teil von 12 Monaten übernimmt. Es ist hier wichtig zu erwähnen, dass Frauen nicht ihre Mutterschaft abgesprochen werden soll. Jede Frau, die sich Vollzeit um ihre Kinder kümmern möchte, sollte dazu in der Lage sein und diese Entscheidung aus freien Stücken treffen können. Es sollte aber nicht zur Konsequenz haben, dass sie sich von ihrem Ehepartner abhängig macht und droht, in Altersarmut zu enden, wenn dieser sich eines Tages entscheiden sollte, sie zu verlassen.

 

Ein weiterer Punkt, den es kritisch zu hinterfragen gilt, ist die Frage, warum der Staat überhaupt die Ehe subventioniert. Leider leben wir nicht in einem Wohlfahrtsstaat und somit liegt auf der Hand, dass der Staat nur Steuervorteile erlässt, wenn er selbst einen Vorteil daraus ziehen kann. Die Antwort auf diese Frage ist so einfach wie fatal: der Staat ist auf die ständige Produktion neuer Staatsbürger*innen und die unbezahlte Arbeit der Frauen rund um diese Produktion angewiesen. Eine Eheschließung führt in den meisten Fällen auch zur Zeugung von Kindern. Ein Staat kann nicht existieren, wenn in ihm keine Kinder gezeugt werden. Somit hat er ein großes Interesse daran, Frauen zum Gebären zu bewegen. Des Weiteren übernehmen Frauen in unserer Gesellschaft (innerhalb und außerhalb der Ehe) auch heute noch nahezu die komplette Care-Arbeit. Teils bezahlt in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Kindertagesstätten, aber zum Großteil unbezahlt in den eigenen vier Wänden. Frauen putzen, bügeln, waschen Wäsche, besorgen Geschenke, passen die Kleider der Kinder an ihre Größe an, wickeln, kochen, kuscheln, streicheln, … Die Liste könnte ewig weitergehen. All dies tun sie, ohne dafür entlohnt zu werden. Emilia Roig sagt in unserer Podcastfolge, dass die Arbeit in der Ehe zwischen Mann und Frau aufgeteilt wird: der Mann übernimmt die Lohnarbeit, die Frau die Care-Arbeit. Beide Teile der Arbeit sind für das Funktionieren einer Familie gleich wichtig, aber nur ein Teil (der des Mannes) wird entlohnt.

 

Natürlich gibt es auch heute schon alternative Konzepte zur Ehe oder monogamen Zweierbeziehung. Es gibt Menschen, die in offenen Beziehungen leben, Freund*innen, die gemeinsam Kinder bekommen und großziehen, schwule und lesbische Paare, die sich zusammentun, Familien, die in WGs mit Anderen zusammenleben und viele mehr. Diese Arten des Familienlebens stellen aber die Ausnahme und nicht die Regel dar. Der Fokus auf die Zweierbeziehung zur Betreuung von Kindern ist ebenfalls auf das Christintum zurückzuführen. Hier wird klar die Kernfamilie gefördert, während in anderen Kulturen durch eine Eheschließung ganze Familien miteinander verbunden werden. Wir müssen uns klarmachen, dass das Bild der glücklichen Kernfamilie, in der Mutter und Vater zu zweit ihre Kinder großziehen, ein Konstrukt und nicht die nötige Voraussetzung für eine gesunde Kindesentwicklung ist. Wenn wir verstehen, dass auch andere Konzepte ihre Daseinsberechtigung haben (vielleicht sogar besser geeignet sind) und Kindern mehr Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen, können wir nicht nur freier Entscheidungen treffen und Lebenswege einschlagen, die wirklich unseren Bedürfnissen entsprechen, sondern gehen auch einen Schritt in Richtung mehr Gleichberechtigung. Denn es reicht nicht, die Ehe abzuschaffen, um Frauen aus ihrer Abhängigkeit zu befreien. Es muss ein starker Paradigmenwechsel stattfinden - wie ebenfalls Emilia Roig in unserer Podcastfolge sagt. Das Konzept der Ehe existiert in unseren Köpfen und bereits kleine Mädchen träumen davon, einmal ihren großen Tag im weißen Kleid zu verbringen, der sie endlich zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft machen wir. Lasst uns neue Bilder erfinden! Lasst uns mit uns selbst zufrieden sein und unser Glück nicht von der Aufmerksamkeit und Zuneigung einer einzigen anderen Person abhängig machen! Lasst uns so leben und lieben, wie wir es für richtig halten und nicht so, wie es dem Staat nutzt! Und insbesondere: Lasst uns andere Menschen akzeptieren, die einen anderen Weg für sich gefunden haben, anstatt sie zu verurteilen! Wir brauchen mehr Liebe und mehr glückliche Beziehungen in dieser Welt. Wie diese Beziehungen gestaltet werden und wer wen liebt und von wem geliebt wird, sollte dabei eine individuelle Entscheidung sein und nicht durch staatliche Bevorzugung oder gesellschaftliche Zwänge reglementiert werden.